ADHS – ein Phänomen unserer Zeit?
07 Jan

ADHS – ein Phänomen unserer Zeit?

ADHS ist heute in aller Munde. Ein kritischer Blick auf eine oftmals schnell gestellte Diagnose mit weitreichenden Folgen – besonders für betroffene Kinder. 

Grundsätzlich und aus medizinischer Sicht gehört ADHS zur Gruppe der Verhaltens- und emotionalen Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend. Sie äussert sich durch Probleme mit Aufmerksamkeit, Impulsivität und Selbstregulation; manchmal kommt zusätzlich starke körperliche Unruhe (Hyperaktivität) hinzu.

Die Ursachen sind so individuell wie die Menschen selbst. Früher galten meist psychosoziale und pädagogische Umweltfaktoren als Verursacher von ADHS. Dazu zählten Erziehungsfehler, Elternproblematik, Vernachlässigung und frühkindliche Traumata. Nach heutigem Stand geht man davon aus, dass sowohl biologische Faktoren als auch Umwelteinflüsse zu den Ursachen zählen.

ADHS kann je nach Person jedoch sehr unterschiedliche Folgen haben, da der individuelle Verlauf auch von Umweltfaktoren beeinflusst wird. Meist stehen Betroffene und ihre Angehörigen unter erheblichem Druck: Misserfolge in Schule oder Beruf, ungeplante frühe Schwangerschaften, Drogenkonsum und die Entwicklung von weiteren psychischen Störungen wurden oft beobachtet. Dazu kommt ein deutlich erhöhtes Risiko für Unfälle, unabsichtliche Verletzungen und Suizide. Die Behandlung richtet sich daher nach dem Schweregrad, dem Leidensdruck, den jeweiligen Symptomen und Problemen sowie dem Alter der betroffenen Person.

Mögliche Ursachen werden in verschiedene Bereiche unterteilt:

Gehirn – Eine Verminderung des Gehirnvolumens und funktionelle Defizite werden immer wieder festgestellt, die Forschung befindet sich aber noch in der Anfangsphase.

Nervenzellen – Die Leitbahnen der Nervenfasern im Gehirn zeigen im Gruppenvergleich anatomische und funktionelle Abweichungen. Allerdings sind signifikante Abweichungen nur zwischen Personengruppen und nicht zwischen Einzelpersonen feststellbar.

Signalübertragung – Die Weiterleitung von Signalen zwischen Nervenzellen durch biochemische Botenstoffe ist bei ADHS beeinträchtigt. Dies gilt insbesondere für die Übertragung durch Dopamin. Seit 2014 gibt es direkte Nachweise, dass ebenfalls die Übertragung durch Glutamat nur in verminderter Form funktioniert, insbesondere im Striatum, einer Gehirnregion mit zentraler Bedeutung für Motivation, Emotion, Kognition und Bewegungsverhalten. Glutamat steht im engen Zusammenhang zur Kopplung der Dopamin-Systeme. Da taucht in mir doch gleich die Frage auf, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen den heutigen vielen Fertig- und Halbfertigprodukten, welche meist gut bestückt mit dem Geschmacksverstärker Glutamat sind. In früherer Zeit bestand die Möglichkeit noch nicht, unserem Essen Geschmacksverstärker beizufügen, in der heutigen Zeit gibt es nahezu kein Produkt mehr, welches kein Glutamat (oder ähnliche Verstärker) enthält. Aber auf diese Frage wird es wohl so schnell keine ehrliche Antwort geben.

Erblichkeit – Auf Grundlage von Familien- und Zwillingsstudien wird die Erblichkeit für das Risiko von ADHS betroffen zu sein, auf 70 bis 80% geschätzt.

Gene – es besteht Einigkeit bezüglich der Notwendigkeit mehrerer genetischer Abweichungen, da einzelne Gene allein keine derart vielfältige Verhaltensabweichung wie bei ADHS bewirken kann. Die genetischen Abweichungen, die bislang mit ADHS in Verbindung gebracht wurden, sind – jede für sich allein betrachtet – nicht spezifisch für ADHS. Somit sind bisher keine Vorhersagen durch genetische Tests bei einer Einzelperson möglich.

Soziales Umfeld – Belastende Familienverhältnisse treten häufiger in Familien auf, in denen ein Kind von ADHS betroffen ist. Hierbei ist jedoch nicht feststellbar, ob die Familienverhältnisse sich auf die Auslösung oder den Schweregrad von ADHS ausgewirkt haben. Allgemeine Risikofaktoren – Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen, ein verringertes Geburtsgewicht, Infektionen, verschiedene Schadstoffe sowie Erkrankungen oder Verletzungen des zentralen Nervensystems gelten als Risikofaktoren; ebenso während der Schwangerschaft stattfindende Belastungen mit Alkohol.

Therapie mit Ritalin – Fluch oder Segen?

Zuerst einmal zur Wirkung von Methylphenidat; es hemmt die Wiederaufnahme der Neurotransmitter Dopamin und Noradrenalin, indem es deren Transporter in ihrer Funktion blockiert. Methylphenidat zeigt eine Affinität zum Serotonin-Rezeptor. Hinsichtlich der Blockade der Dopamin-Transporter ähnelt Methylphenidat in seiner Wirkung dem Kokain. Beide Substanzen unterscheiden sich jedoch stark in ihrem Wirkungseintritt (je nach Verabreichungsform) und damit auch ihrem Suchtpotenzial.

Zudem wirkt es anregend und stimulierend (psychoanaleptisch). Es steigert kurzfristig die körperliche Leistungsfähigkeit und unterdrückt die Müdigkeit. Warnsignale des Körpers wie Schmerz oder Erschöpfungsgefühl, die bei körperlicher Überbelastung auftreten, werden vermindert. Der Appetit wird gehemmt.

Wenn wir diese Wirkung so lesen, fällt uns vielleicht auf, dass wir mit diesem Mittel perfekt in unsere Leistungsgesellschaft passen. Wir haben weniger Hunger, brauchen weniger Schlaf und sind viel konzentrierter. Der amerikanische Politologe Francis Fukuyama nennt Ritalin «ein Mittel zur sozialen Kontrolle». Weiter sagt er: «Die moderne Gesellschaft laufe Gefahr, sich selbst jeder Entwicklung zu berauben, wenn sie weiterhin versuche, mithilfe von Psychopharmaka den gleichförmigen, immer funktionierenden Menschen zu schaffen. Die ganze Skala unbehaglicher und unbequemer Gefühle wie Wut, Zorn oder Trauer kann jedoch auch Ausgangspunkt für Kreativität, Wunder und Fortschritt sein»

Auch mir ist das Thema Ritalin in meiner Praxis und auch als Dozentin immer wieder begegnet. Sobald man diese Problematik anspricht, schlägt es grosse Wellen. Unter Kinderpsychiatern und Psychotherapeuten ist das «Wundermittel Ritalin» nahezu nicht mehr wegzudenken. Es wird teilweise verharmlost, teilweise ist man über die Massen entsetzt, den Einsatz von Ritalin überhaupt zu hinterfragen. Da ich im Bereich der Homöopathie und der Medizin unterrichte, habe ich mich gerade in Bezug auf die Homöopathie intensiv mit dem Thema Drogen auseinandergesetzt. Dabei ist mir aufgefallen, wie nahe sich Amphetamin, Methamphetamin (Crystal Meth) und Methylphenidat doch stehen. Sie gehören alle zur ähnlichen Gruppe synthetisch hergestellter Medikamente oder eben synthetisch hergestellter Drogen.

Für mich war es auch spannend festzustellen, dass bereits 1937 Charles Bradley erstmals Amphetamin bei verhaltensauffälligen Kindern einsetzte und sich deren Probleme anscheinend besserten. Darauf entwickelte 1944 Leondro Panizzon, mitten im 2. Weltkrieg, ein Angestellter der heutigen Firma Novartis, das dem Amphetamin wirkungsähnliche Methylphenidat. Am 06. Oktober 1954 wurde Methylphenidat unter dem Namen Ritalin durch die Firma Novartis (früher Ciba) auf dem deutschsprachigen Markt eingeführt. Nachdem es zuerst rezeptfrei erhältlich gewesen war, ist es seit 1971 dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt.

Ob dies Fluch oder Segen war, darüber herrscht Uneinigkeit. Aus meiner Sicht ist der Umgang mit diesem Medikament viel zu locker geworden. In Schulen sind Lehrpersonen darauf sensibilisiert, verhaltensauffällige Kinder zu erkennen und den Eltern nahezulegen, ihr Kind «abklären zu lassen». Zappelige und unkonzentrierte Kinder gelten sehr schnell als ADHS-Patienten. Auch wenn die Vorgaben für die Abgabe von Ritalin eigentlich sehr strikt wären, werden die angeblichen Wunderpillen wie Zuckerpastillen verteilt. Wir laufen Gefahr eine Generation zu züchten, die immer zu funktionieren und vor allem weniger zu fühlen hat.

Viele glauben, diese Diagnose wird heute öfters gestellt als früher, laut diversen Studien und Statistiken gibt es dafür aber keinen Beweis. Aus meiner Sicht liegt die Häufigkeit der heutigen Diagnosen wohl eher daran, dass wir unser Augenmerk vermehrt auf psychische Auffälligkeiten bei Kindern richten. Zudem beginnt der Leistungsdruck auf unsere Kinder schon sehr früh. Wir befassen uns beinahe ab der Geburt unseres Kindes damit, wie und womit wir dieses fördern können. Das Kind hat immer weniger Zeit einfach «Kind zu sein», unbekümmert zu spielen, zu entdecken, ohne dabei etwas erreichen zu müssen. Natürlich ist es wichtig und wertvoll, sein Kind zu fördern und trotzdem beobachte ich in meiner Praxis immer häufiger, wie sehr die Kinder unter Druck stehen. Wenn ich Berichte über Ritalin lese oder darüber, was Eltern über ihre Kinder sagen, die Ritalin einnehmen, kommt immer wieder die Aussage «Mein Kind funktioniert jetzt normal, und es kann sich jetzt auch mal hinsetzen und ein Buch lesen». Dabei stellt sich mir die Frage: Was erwarten wir von unseren Kindern? Was wollen wir, dass unsere Kinder tun oder eben nicht tun? Ist es denn wirklich notwendig, dass mein Kind ruhig sitzt und sehr gut in der Schule ist? Es ist mir klar, dass ein gewisses Mass notwendig ist aber überfordern wir vielleicht unsere Kinder damit, dass sie normal funktionieren müssen? Wer gibt uns vor, was normal ist? Es ist völlig in Ordnung, langsamer zu sein als der Rest der Welt oder kreativer oder verträumter. Wer weiss denn schon, was unser Kind wirklich zu sein vermag, wenn wir es einfach unterstützen, statt es ständig in eine Schablone der Normalität zu pressen.

Hinzu kommt, dass heute in vielen Familien beide Elternteile berufstätig sind. Dabei sollten die Eltern vor der Geburt des Kindes miteinander besprechen, wer sich wann um das Kind kümmert. Der soziale Aspekt einer Familie ist grundlegend und absolut elementar für uns Menschen. Wir brauchen Nähe, Bindungen, Zärtlichkeiten und Wärme, ganz besonders im ersten Lebensjahr. Unser Urvertrauen ins Leben, unser späteres Selbstwertgefühl, unsere Selbstliebe und viele weitere Aspekte entwickeln sich durch Wärme und Liebe innerhalb einer Familie. Ein intaktes Familienleben ist in der heutigen Zeit nicht mehr die Norm. Wir leben in Wohlstand, können uns viele materielle Dinge leisten und schwelgen im Luxus. Doch hat unser Wohlstand nicht auch seinen Preis? Hat es uns nicht auch um die Geborgenheit einer Familie gebracht? Besteht vielleicht ein Zusammenhang zwischen der Unruhe unseres Lebensstils und der Hyperaktivität unserer Kinder? Wie oft sind wir in der heutigen Zeit gestresst, genervt, unter Zeit- und Leistungsdruck und rennen nahezu von einem Termin zum nächsten – nur um dann geradewegs in Richtung «Burn-out» zu rennen?

Aus komplementär-medizinischer Sicht und auch aus meiner homöopathischen Sichtweise, gibt es verschiedene Gründe, die zu «ADHS» führen. Da gerade die Homöopathie sehr individuell auf die Kinder/Menschen eingeht und versucht, das Problem an der Wurzel zu lösen, empfehle ich allen Eltern neben einem Hausarzt auch einen Naturheilpraktiker/Therapeuten der Komplementärmedizin zu haben. Vielleicht liegt der Ursprung des Problems ganz woanders und kann auch ohne die Gabe von Ritalin gelöst werden. Ausserdem sollten wir wieder mehr in die Eigenverantwortung kommen und uns nicht einfach nur eine Pille verschreiben lassen, weil es einfacher geht als sich wirklich mit der Lösung der Herausforderung zu befassen. 

Stefanie Eisenbart

Stefanie Eisenbart absolvierte die 3-jährige Ausbildung zur Homöopathin am Naturheilzentrum in Eschen/FL. Die Leidenschaft für die Komplementärmedizin war damit erwacht und so folgte parallel die Ausbildung zur Bachblüten-Therapeutin und die Wirbeltechnik nach Dorn/Breuss. Nach diversen Kursen im Bereich Coaching, Meditation und spiritueller Entwicklung begann sie im 2017 die 2-jährige Ausbildung im geistigen Heilen und schloss diese im Juni 2019 mit Erfolg ab. Natürlich durften auch die Stunden im Bereich Medizin nicht zu kurz kommen und so absolvierte sie insgesamt 600 Stunden Anatomie, Physiologie & Pathologie. Im Herbst besuchte sie zudem den Lehrgang Schüsslersalze und ist derzeit an der Weiterbildung in Klassischer Massage.

Weitere Informationen: www.stefanie-eisenbart.ch

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