Wissen zu Spagyrik, Alchemie und Naturheilkunde

Medizin in Bildern – Das Tacuinum sanitatis als Anleitung für ein gesundes Leben

Gegen Ende des 14. Jahrhunderts kam an den norditalienischen Fürstenhöfen ein neuer Trend auf: Man schenkte sich reich bebilderte Handschriften mit praktischen Anleitungen für ein langes und gesundes Leben. Diese Gesundheitslehren (lat. regimina sanitatis) waren jedoch nur einem exklusiven Kreis zugänglich und dienten als repräsentative Schaustücke in fürstlichen Bibliotheken. Wer eines der gelehrten Bilderbücher besaß, durfte sich also glücklich schätzen und hatte einen kostbaren Wissensvorsprung. 

Das Tacuinum sanitatis, was so viel bedeutet wie „Tafel der Gesundheit“, enthält dieses geheime Wissen um ein gutes Leben. [1]  Kurz und knapp und für Laien gut verständlich wird beschrieben, welchen Nutzen und Schaden bestimmte Lebensmittel und Getränke, Wetter- und Gemütslagen sowie körperliche Aktivitäten haben. Die im Tacuinum sanitatis enthaltene Lehre verfolgt, wenn man so will, ein ganzheitliches Gesundheitskonzept. Lassen wir den römischen Gelehrten Plinius d. Ä. zu Wort kommen, der mit seiner Naturalis historia (1. Jh. n. Chr.) den Grundstein für die enzyklopädische Erfassung der Natur lieferte:

Abb. 1: Ibn Butlan, Taqwim as-sihha, 1213, London, British Library,  Or 1347 (Quelle)

[2Das Tacuinum sanitatis entstammt der arabischen Medizin. Es wurde von dem irakischen, christlichen Arzt Ibn Bultan im 11. Jahrhundert als Taqwim as-sihha verfasst. Dieser Text war jedoch völlig bilderlos. Stattdessen war das Wissen übersichtlich in schachbrettartigen Tabellen aufbereitet (Abb. 1) – daher der Name der Handschrift. Im 13. Jahrhundert wurde die Schrift ins Lateinische übersetzt und inhaltlich den Bedürfnissen einer europäischen Leserschaft angepasst, wodurch sie sich schnell im lateinischen Westen verbreitete. [2]

Abb. 2: Giovannino de’ Grassi, Minze (Menta), in: Tacuinum sanitatis, spätes 14. Jh., Paris, BnF, Nouv. Acqu. Lat. 1673, fol. 30v (Quelle)

An den norditalienischen Fürstenhöfen, allen voran am Hof der Visconti in Pavia und Mailand, wurde das Tacuinum sanitatis schließlich illustriert und sein Erscheinungsbild somit nachhaltig verändert. Es entstanden Luxushandschriften, die der Künstler Giovannino de’ Grassi (ca. 1350–1398) und seine Werkstatt mit Bildern versahen; Neuschöpfungen, für die es keinerlei Vorlagen gab. [3] Die Information, die zuvor in Tabellen präsentiert worden war, wurde nun wie eine Bildunterschrift unter der Illustration wiedergegeben (Abb. 2). 

Die hier gezeigten Buchseiten stammen aus einer Handschrift, die Verde Visconti (1352–1414) gehörte, einer Tochter des Mailänder Stadtherrn Bernabò Visconti, der sie mit Leopold III., Herzog  von Österreich, verheiratet hatte. [4] Bei der Betrachtung der Miniaturen wird offensichtlich, dass sich die Handschrift an ein adeliges Publikum richtete: Die dargestellten Figuren tragen modische, dem höfischen Zeitgeschmack entsprechende Gewänder, die sich eigentlich nicht zur Gartenarbeit bzw. der geschilderten Tätigkeit eignen. 

Abb. 3: Giovannino de’ Grassi, Sellerie (Apium), in: Tacuinum sanitatis, spätes 14. Jh., Paris, BnF, Nouv. Acqu. Lat. 1673, fol. 28v (Quelle)

Auf dieser Seite (Abb. 3) wird der gesundheitliche Mehrwert der Selleriepflanze (lat. apium) geschildert: Ihre Natur sei warm und trocken, vorzuziehen seien jene Pflanzen, die aus Gartenbeeten stammen. Sie helfen bei Verstopfung, können aber auch Kopfschmerzen verursachen. Dieser Schaden sei einfach abzuwenden, indem man Sellerie gemeinsam mit Kopfsalat konsumiere. Besonders zuträglich sei Sellerie für Menschen fortgeschrittenen Alters und mit einer kalten Komplexion (im Sinne von Beschaffenheit oder Konstitution), insbesondere im Winter und in kalten Gefilden. [5]
Der Buchmaler stellt das Selleriegewächs als überlebensgroße Pflanze dar, gibt aber ihre charakteristische Blatt- und Wuchsform so genau wieder, dass man sie im heimischen Gartenbeet wiedererkennen würde. Flankiert wird dieser „Selleriebaum“ von einer elegant gekleideten Dame zur Linken und einem Edelmann zur Rechten, deren Gesten eine gelehrte Unterhaltung über den beschriebenen Nutzen und Schaden des Gewächses vermuten lassen.

Abb. 4: Giovannino de’ Grassi, Kürbis (Cucurbite), in: Tacuinum sanitatis, spätes 14. Jh., Paris, BnF, Nouv. Acqu. Lat. 1673, fol. 36v (Quelle)

Auch die Ernte von Kürbissen (lat. cucurbite) nehmen zwei Damen in langen Kleidern vor, die körperlicher Arbeit eigentlich im Wege stehen (Abb. 4). Die teilweise noch blühenden Pflanzen wurden an drei Rankbögen gezogen; die nach unten hängenden, flaschenförmigen Früchte lassen sich mit der Hand in einen Flechtkorb ernten. Wie bei dem Sellerie wurde auf die Wiedererkennbarkeit der Merkmale aller Bestandteile der Pflanze Wert gelegt. Zugleich wurde die Wuchsform so arrangiert, dass sie als innerbildlicher Rahmen dient. Der Text unter dem Bild verrät, dass Kürbisse kalter und feuchter Natur sind. Besonders grüne und frische Früchte seien zu bevorzugen und stillen den Durst. Zwar wirken sie abführend, man könne dieser Nebenwirkung aber mit Salzwasser und Senf begegnen. Besonders zuträglich seien Kürbisse für Choleriker und Jugendliche allerorts, vor allem in südlichen Regionen. [6]

Abb. 5: Giovannino de’ Grassi, Trunkenheit (Ebrietas), in: Tacuinum sanitatis, spätes 14. Jh., Paris, BnF, Nouv. Acq u. Lat. 1673, fol. 88v (Quelle)

Die im Tacuinum sanitatis beschriebene, medizinische Lehre basiert auf der antiken Humoralpathologie, der sogenannten Vier-Säfte-Lehre. Ausgehend von der Überzeugung, der gesunde menschliche Körper zeichne sich durch ein Gleichgewicht von den vier Körpersäften Blut, Schleim, gelbe Galle und schwarze Galle aus, erklärte man sich die Entstehung von Krankheiten mit deren Ungleichgewicht. Medizinische Behandlungen mussten demnach auf eine Wiederherstellung des Idealzustands abzielen – ggf. sogar, wie hier beschrieben, durch Trunkenheit, die bei „verdorbenen Säften“ helfen soll (Abb. 5). [7] Die vier Säfte wurden zudem durch vier Qualitäten gekennzeichnet – Trockenheit und Feuchtigkeit sowie Wärme und Kälte, die auch im Tacuinum sanitatis stets als Eigenschaft oder „Natur“ der beschriebenen Dinge genannt wird. [8]  Dies sollte wiederum das Gemüt eines Menschen, d.h. sein Temperament, bestimmen und ihn entweder zu einem Sanguiniker, Phlegmatiker, Choleriker oder Melancholiker machen. Im Laufe der Zeit wurden die vier Säfte und Temperamente Teil eines komplexen Korrespondenzsystems und hatten ihre Entsprechung beispielsweise in den vier Elementen, den vier Jahreszeiten, Lebensaltern oder Himmelsrichtungen. So entstand ein den Makro- und Mikrokosmos verbindendes System, in dem alles – insbesondere der menschliche Körper – mit allem verbunden war. [9]

 Abb. 6 und 7: Giovannino de’ Grassi, Schnee und Eis (Nix et glacies) / Beischlaf (Coitus), in: Tacuinum sanitatis, spätes 14. Jh., Paris, BnF, Nouv. Acqu. Lat. 1673, fol. 96v /100r (Quelle 1 und 2)

Neben Lebensmitteln und Getränken zielt die Gesundheitslehre auch auf körperliche Aktivität ab: Bewegung (lat. motus) in Form von Spaziergängen wird ebenso beschrieben wie das ausschließlich vom Adel praktizierte Reiten (lat. equitatio) oder Fechten (lat. luctatio). Die Illustration zu Schnee und Eis (lat. nix et glacies) zeigt sogar – vielleicht mit einem Augenzwinkern – eine Schneeballschlacht (Abb. 6). Am meisten überraschen dürften die Beschreibung und bildliche Wiedergabe des Beischlafs (lat. coitus), bei dem man aufgrund der transparenten Decke sogar einen Blick auf das im Bett liegende Paar geboten bekommt (Abb. 7). Der Nutzen dieser Tätigkeit, so die nüchterne Erläuterung, sei die Erhaltung der Art.

Abb. 8: Giovannino de’ Grassi, Ruhe (Quier), in: Tacuinum sanitatis, spätes 14. Jh., Paris, BnF, Nouv. Acqu. Lat. 1673, fol. 92v (Quelle)

Das Tacuinum sanitatis versuchte alle Lebensbereiche des spätmittelalterlichen, wohlgemerkt adeligen und wohlhabenden Menschen abzudecken. Es diente als klar verständlicher und, aufgrund seiner ungewöhnlichen Bilder, als unterhaltsamer sowie einprägsamer Ratgeber. Darüber hinaus sollten Gesundheitslehren wie diese einem übergeordneten Zweck dienen. Indem sie sich an die herrschende Elite richtete, sollte sie nicht nur deren körperliche und geistige Gesundheit fördern. Denn ein gesunder Herrscher bedeutete im Umkehrschluss auch ein „gesunder“, das heißt prosperierender Staat. [10] So hatten luxuriöse und teure Handschriften wie diese auch eine wichtige Funktion als Prestigeobjekte. Der Eigentümer konnte damit sein Wissen zur Schau stellen und demonstrieren, für den Wohlstand seiner Untertanen Sorge tragen zu können. Damit offenbart sich einmal mehr, wie offensichtlich im damaligen Weltbild alles mit allem in Beziehung stand – welchen Nutzen der Konsum von Sellerie oder Kürbissen für die Allgemeinheit haben konnte.

Anmerkungen 

[1] Siehe hierzu: Tacuinum Sanitatis. Das Buch der Gesundheit, hg. von Luisa Cogliati Arano, München 1976; Carmélia Opsomer, L’art de vivre en santé. Images et recettes du moyen âge. Le ‘Tacuinum sanitatis’ (manuscrit 1041) de la Bibliothèque de l’Université de Liège, Lüttich 1991; Tacuinum sanitatis in medicina. Codex Vindobonensis Series nova 2644 der Österreichischen Nationalbibliothek, komm. von Franz Unterkircher, Graz 2004; Cathleen Hoeniger, The Illuminated ›Tacuinum sanitatis‹ Manuscripts from Northern Italy ca. 1380–1400. Sources, Patrons, and the Creation of a New Pictorial Genre, in: Visualizing Medieval Medicine and Natural History, 1200–1550, hg. von Jean A. Givens, Karen M. Reeds und Alain Touwaide, Aldershot u. a. 2006, S. 51–81; Dominic Olariu, From Textual to Visual. Translation and Enhancement of Arabic Experience in the New Book Genre ›Tacuina Sanitatis‹ of Giangaleazzo Visconti (c. 1390), in: Premodern Experience of the Natural World in Translation, hg. von Katja Krause, Maria Auxent und Dror Weil, New York/London 2023, S. 250–272.

[2] Dror Weil, Translating Medical Experience in Tables. The Case of Eleventh-Century Arabic ›Taqwīm‹ Works, in: Premodern Experience of the Natural World in Translation, hg. von Maria Auxent, Katja Krause und Dror Weil, London/New York, 2023, S. 230–249.

[3] Zu erwähnen sind die Handschriften in Lüttich (Bibliothèque générale de l’Université de Liège, LMs 1041), Rom (Biblioteca Casanatense, Ms 4182), Wien (Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Ser. n. 2644) und Paris (Bibliothèque nationale de France, Lat. Nouv. Acq. 1673).

[4] Die Handschrift befindet sich in der Bibliothèque nationale de France, Nouv. Acqu. Lat. 1673. Vgl. Vera Segre, Il Tacuinum sanitatis di Verde Visconti et la miniatura milanese di fine Trecento, in: Arte Cristiana 88, 2000, S. 375–390.

[5] Unterkircher 2004, S. 69 (bezieht sich jedoch auf folgende Handschrift: Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Ser. n. 2644).

[6] Unterkircher 2004, S. 62.

[7] Unterkircher 2004, S. 138.

[8] Blut = warm und feucht; Schleim = kalt und feucht; gelbe Galle = warm und trocken; schwarze Galle = kalt und trocken.

[9] Sylva Fischerová, An Archaeology of Temperaments, or from Four Humours to Four Temperaments, in: Prehistoric, Ancient and Medieval Medicine. New Perspectives and Challenges for the Twenty-First Century, hg. von Tomáš Alušík et al. Oxfordshire 2026, S. 96–113, hier S. 110.

[10] Sarah R. Kyle, Medicine and Humanism in late Medieval Italy. The Carrara Herbal in Padua, London/New York, 2017, S. 10f.

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