Wissen zu Spagyrik, Alchemie und Naturheilkunde

Von Eisenfressern und Rieseneiern – Der Mythos vom Vogelstrauss

Der afrikanische Strauß ist der größte Vogel der Erde. Ausgewachsene Männchen werden über zwei Meter groß. Zwar können die Tiere nicht fliegen, wohl aber bis zu 70 km/h schnell laufen. In der antiken Naturkunde tat man sich schwer, den flugunfähigen Laufvogel in das Tierreich einzuordnen. Er galt als lebendige Kuriosität, der man zahlreiche wundersame Eigenschaften zuschrieb.

Abb. 1: Joris Hoefnagel, Zwei Strauße und ein Star (Vier Elemente, Band Aier, Tafel 1), ca. 1575/90er, Washington D.C., National Gallery of Art, Inv. Nr. 1987.20.8.2
Quelle: https://www.nga.gov/artworks/69895-plate-1-two-ostriches-and-starling

Lassen wir den römischen Gelehrten Plinius d. Ä. zu Wort kommen, der mit seiner Naturalis historia (1. Jh. n. Chr.) den Grundstein für die enzyklopädische Erfassung der Natur lieferte:

«Am größten von den Vögeln und nahezu vom [ganzen] Tierreich sind die Strauße in Afrika oder Äthiopien; sie überragen an Höhe einen zu Pferd sitzenden Reiter und übertreffen ihn an Schnelligkeit; die Flügel sind ihnen nur zur Unterstützung beim Laufen gegeben; […]. Ihre Klauen, mit denen sie kämpfen, sind denen des Hirsches ähnlich gespalten und dienen ihnen zum Ergreifen von Steinen, die sie auf der Flucht mit den Füßen gegen die Verfolger schleudern. Das wahllos Verschlungene zu verdauen ist eine merkwürdige Eigenschaft, aber nicht weniger die Albernheit, die darin besteht, dass sie sich bei einem solch hohen Wuchs des übrigen Körpers schon für verborgen halten, wenn sie nur ihren Hals im Gebüsch versteckt haben. Von Wert sind bei ihnen die Eier, die man wegen ihrer Größe als Gefäße benützt, sowie die Federn zur Zierde des Helmbuschs der Krieger und der Helme.» [1]

Plinius spricht zwei Punkte an, die den Strauß teilweise bis heute begleiten. Einerseits ist da der Mythos vom Vogel, der den Kopf sprichwörtlich in den Sand steckt. Andererseits wurde gern behauptet, dass der Strauß alles verschlingen und verdauen könne, neben Steinen sogar Eisen. Ersteres ist leicht zu erklären: Strauße verbringen viel Zeit damit, auf dem Boden nach Nahrung zu picken. In der flimmernden Wüstensonne Afrikas muss das aus der Ferne den Anschein erweckt haben, das Tier habe den Kopf in den Sand gesteckt. Mit kopflosem Fluchtverhalten hat dies also nichts zu tun. Dass der Strauß nicht nur einen, sondern sogar zwei äußerst robuste Mägen hat, entspricht hingegen der Realität. In der Tat nimmt der Vogel mit der Nahrung absichtlich Steine – sogenannte Gastrolithen – auf, um Faserhaltiges besser verdauen zu können. Eisen steht eigentlich nicht auf dem Speiseplan des Tiers, allerdings hat es eine Vorliebe für glänzende Oberflächen und könnte versehentlich metallene Objekte verschlingen [2]. So entwickelte sich die Vorstellung vom Allesfresser Strauß. Die Stärke des Straußenmagens fand Eingang in die Darstellungstradition des Tiers: Es etablierte sich das Bild des Straußenvogels mit einem eisernen Schlüssel oder Hufeisen im Schnabel (Abb. 2 und 3).

Abb. 2: Vogelstrauß aus Sebastian Münster, Cosmographia, 1550
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Abb. 3: Jan Luyken nach einem Entwurf von Cornelis van Dyck, Skelett eines Straußes, 1680, Amsterdam, Rijksmuseum, Inv. Nr. RP-P-1896-A-19368-201
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Um der physischen Stärke des Laufvogels teilhaftig zu werden, verwendete man in Straußenmägen vorgefundene Steine in der Medizin. Ähnlich wie Bezoaren – Steine, die im Verdauungstrakt von Wiederkäuern vorgefunden und in der Frühen Neuzeit zu horrenden Preisen gehandelt wurden [3] –, sagte man diesen Steinen eine heilkräftige Wirkung nach. Laut dem Schweizer Naturforscher Conrad Gessner (1516–1565) sollen diese Steine u.a. die Verdauung fördern. Ebenso könne man eine Straußenhaut von außen auf den Magen legen, wenn dieser Schmerzen bereite und Steinbildungen im menschlichen Körper können so aufgelöst werden [4]. Auch Gessners Landsmann, der Arzt und Alchemist Paracelsus (1493/94–1541) bezieht sich in seinem „Buch von den Tartarischen Kranckheiten“ mehrfach auf die Stärke des Straußenmagens. Damit will er deutlich machen, dass auch der menschliche Magen entsprechend gestärkt werden könne, um krankmachende „Tartara“ – damit meint Paracelsus Ablagerungen und Steinbildungen im Körper – selbst beseitigen zu können:

«In solcher gestalt sol der Magen fürgenommen werden / in ein solch wesen zu bringen / das er verdewe unnd consumire dieselbigen Tartara, wie der Strauß das Eisen. Dann beyde dewung [Verdauung] seind müglich / im Menschen unnd im Straussen.» [5]

Abb. 4: Nach Adriaen van de Venne, Allegorisches Sinnbild mit Hühner- und Straußeneiern, 1635–1715, Amsterdam, Rijksmuseum Quelle

Ebenso wie über das Verhalten des Vogels staunte man über dessen riesige Eier (Abb. 4). Zum Vergleich: Während ein Hühnerei ca. 60 g wiegt, bringt ein Straußenei 1,3 kg auf die Waage. Der Inhalt eines Straußeneis entspricht 24 Hühnereiern. In freier Wildbahn legen Weibchen in einer Brutgemeinschaft, die aus einem Hahn und mehreren Hennen besteht, im Zeitraum zwischen März und Juli ca. 12–15 Eier. Wie bereits Plinius mitteilte, verarbeitete man die Eierschalen oft zu Kunstwerken und Gebrauchsgegenständen. Die 2–3 mm dicke Schale lässt sich aufwendig schnitzen oder gravieren (Abb. 5 und 6). Das Ei wurde gerne auch gefasst und zu Pokalen verarbeitet, die dann als begehrte Schaustücke in Kunst- und Wunderkammern Eingang fanden. Ebenso wie über das Verhalten des Vogels staunte man über dessen riesige Eier (Abb. 4). Zum Vergleich: Während ein Hühnerei ca. 60 g wiegt, bringt ein Straußenei 1,3 kg auf die Waage. Der Inhalt eines Straußeneis entspricht 24 Hühnereiern. In freier Wildbahn legen Weibchen in einer Brutgemeinschaft, die aus einem Hahn und mehreren Hennen besteht, im Zeitraum zwischen März und Juli ca. 12–15 Eier. Wie bereits Plinius mitteilte, verarbeitete man die Eierschalen oft zu Kunstwerken und Gebrauchsgegenständen. Die 2–3 mm dicke Schale lässt sich aufwendig schnitzen oder gravieren (Abb. 5 und 6). Das Ei wurde gerne auch gefasst und zu Pokalen verarbeitet, die dann als begehrte Schaustücke in Kunst- und Wunderkammern Eingang fanden. 

Abb. 5: Niederländischer Künstler, Geschnitztes Straußenei mit fortlaufender Berglandschaft, 2. Hälfte 17. Jh., Stuttgart, Landesgewerbemuseum Quelle

Abb. 6: Süddeutscher Künstler, Graviertes Straußenei mit Lorbeerbordüren, 2. Hälfte 17. Jh., Stuttgart, Landesgewerbemuseum Quelle

Diese Objekte eigneten sich natürlich nicht für den alltäglichen Gebrauch, allerdings gaben sie das zur Entstehungszeit gültige naturkundliche Wissen preis. So trägt auch der kleine Strauß auf dem Deckel des Nürnberger Straußeneipokals ein Hufeisen im Schnabel (Abb. 7 und 8). Der als Afrikaner gemeinte Jäger, der das übergroße Ei auf dem Kopf balanciert, gibt Aufschluss über die ferne Herkunft des Vogels. Seine Ausrüstung mit Pfeil und Bogen sowie die in den Rand gravierten Szenen verraten waghalsige Methoden, die schnellen Läufer zu erjagen. [6]

Abb. 7 und 8: Georg I. Rühl, Straußeneipokal mit Deckel, ca. 1615, Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Inv. Nr. HG11771 (Foto: Georg Janßen) Quelle

Während die großen und deshalb begehrten Eier auf Handelswegen über Italien und Spanien nach Europa gelangten, musste man aber auch im späten Mittelalter und in der Frühen Neuzeit nicht bis nach Afrika reisen, um lebendige Strauße zu sehen. Spätestens seit dem 10. Jahrhundert hat man sie als exotische Kuriosität an Fürstenhöfen in Privatzoos, in sogenannten Menagerien, gehalten. [7] Dort wurden sie sowohl von naturkundlich Interessierten als von Künstlern eingehend studiert (Abb. 9). So korrigierten sich Fehler in der Wiedergabe des Vogels, die sich durch Beschreibungen von Plinius und dessen Nachfolgern eingeschlichen hatten. Die ungewöhnlichen zweizehigen Füße, die Plinius mit denen von Paarhufern verglichen hatte, waren oft missverstanden und tatsächlich als Hufe wiedergegeben worden (Abb. 10). Dazu trug sicher auch bei, dass der Strauß im Lateinischen aufgrund seiner Größe und Schnelligkeit bis heute als „Kamelvogel“ (Struthio camelus) bezeichnet wird.

Abb. 9 Umkreis Albrecht Dürer, Vogelstrauß, ca. 1500, Berlin, SMB, Kupferstichkabinett, Inv. Nr. KdZ 50 Quelle

Abb. 10: Detail aus: Philips Galle nach Jan van der Straet, Straußenjagd, 1578, Amsterdam, Rijksmuseum, Inv. Nr. RP-P-1891-A-16427 Quelle

Bis heute erfreuen sich Strauße in unseren Breitengraden großer Beliebtheit. Und das nicht nur in Zoos, sondern in zunehmendem Maße auch auf privat betriebenen Straußenfarmen. Neben ihren Eiern, Federn und ihrem Leder und daraus erzeugten Produkten wird auch das Straußenfleisch kommerziell genutzt. Was bereits in der Frühen Neuzeit als Delikatesse galt, wird auch heute wegen seines geringen Fett- und hohen Proteingehalts als gesündere Alternative zu Rindfleisch geschätzt. Darüber hinaus ermöglichen die Farmen einen einzigartigen Einblick in das Sozialverhalten dieser außergewöhnlichen Tiere, über die wir heute zwar etwas mehr wissen als Plinius und Co., aber nicht minder staunen als die frühen Naturforscher.

Anmerkungen 

[1] Naturalis historia, X,I, 1–2. Zit. nach: Roderich König und Gerhard Winkler (Hg.), C. Plinius Secundus d. Ä. Naturkunde. Lateinisch–deutsch. Buch X. Zoologie: Vögel. Weitere Einzelheiten aus dem Tierreich, Düsseldorf 2007, S. 17.

[2] Ich danke Barbara Wiedemann vom „Straußennest Wiedemann“ in Hofstetten am Ammersee für die freundliche Auskunft.

[3] Siehe hierzu: https://www.aurorapharma.com/der-bezoar-antidot-sammlerstueck-magenstein/.

[4] Conrad Gessner, Vogelbuoch: darinn die Art, Natur und Eigenschafft aller Vöglen, sampt jrer waren Contrafactur angezeigt wirt: allen Liebhaberen der Künsten, Artzeten, Maleren, Goldschmiden, Bildschnitzeren, Seydenstickern, Weydleüten und Köchen nit allein lustig zuo erfaren, sunder gantz nutzlich und dienstlich zebrauchen / erstlich durch Doctor Conradt Gessner in Latin beschriben; neüwlich aber durch Ruodolff Heüsslin mit Fleyss in das Teütsch gebracht und in ein kurtze Ordnung gestelt, Zürich 1557, fol. CCXXXVv.

[5] Johannes Huser, Husersche Quartausgabe (medizinische und philosophische Schriften). Band 2: Dieser Theil begreifft fürnemlich die Schrifften, inn denen die Fundamenta angezeigt werde[n], auff welchen die Kunst der rechten Artzney stehe, und auß was Büchern dieselbe gelehrnet werde, Basel 1589, S. 318.

[6] Ausst. Kat. Nürnberg Global. 1300–1600, hg. von Benno Baumbauer et al., Nürnberg Germanisches Nationalmuseum) 2025, Kat. Nr. 16, S. 134f.

[7] Sebastian Bock, Ova struthionis. Die Straußeneiobjekte in den Schatz-, Silber- und Kunstkammern Europas, Heidelberg 2005, S. 43.

 

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